Wenn der Unterkiefer zurückbleibt: Ursachen, Erkennen und Hilfe beim Rückbiss des Hundes
Viele Hundebesitzer bemerken früh, dass die Zähne ihres Vierbeiners nicht perfekt aufeinandertreffen. Ein Rückbiss kann harmlos sein oder zu Problemen führen. Dieser Artikel erklärt Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten verständlich und praxisnah.
Was ist ein Rückbiss?
Ein Rückbiss (auch Brachygnathia inferior oder im Alltag oft Überbiss genannt) liegt vor, wenn der Unterkiefer zu kurz im Verhältnis zum Oberkiefer ist. Dadurch stehen die unteren Zähne sichtbar hinter den oberen - besonders auffällig an den Fang- und Schneidezähnen. Beim Hund kann das von leicht ästhetischer Abweichung bis zur funktionellen Störung reichen.
Woran erkenne ich einen Rückbiss bei meinem Hund?
- Die unteren Eckzähne (Canini) liegen deutlich hinter den oberen.
- Schiefe oder überlappende Schneidezähne.
- Probleme beim Aufnehmen, Kauen oder Tragen von Gegenständen.
- Speicheln, auffälliges Kauen einseitig oder Zahnfleischreizungen durch Fehlkontakt.
- Bei Welpen: sichtbare Unstimmigkeit in der Zahnreihe, oft deutlich wenn die bleibenden Zähne durchbrechen.
Für viele Halter ist ein Rückbiss zunächst ein kosmetisches Problem. Entscheidend ist, ob die Abweichung Schmerzen, Zahnverletzungen oder Futterprobleme verursacht.
Ursachen: Wie entsteht ein Rückbiss?
Häufige Ursachen sind:
- Genetik: Vererbte Kieferform. Bei einigen Rassen wie bestimmten Windhunden oder brachyzephalen Rassen treten Zahn- und Kieferfehlstellungen häufiger auf.
- Wachstumsstörungen: Ungleichmäßiges Knochenwachstum von Ober- und Unterkiefer in der Welpenzeit.
- Verletzungen: Traumata des Kiefers in jungen Jahren können die spätere Entwicklung beeinflussen.
- Zahnverlust früher: Vorzeitiger Verlust von Milchzähnen oder bleibenden Zähnen kann zu Verschiebungen führen.
Diagnose: Was macht der Tierarzt?
Der Tierarzt oder der spezialisierte Tierzahnarzt untersucht zuerst die Maulhöhle genau und beurteilt das Zusammenbeißen der Zähne (Okklusion). Häufige Schritte:
- Visuelle Untersuchung der Zahnstellung und des Zahnfleisches.
- Röntgenaufnahmen des Schädels und der Kiefer, um Knochenstrukturen und Zahnwurzeln zu beurteilen.
- Bewertung von Funktionsstörungen: Futteraufnahme, Schmerzen, Verhaltensänderungen.
Nur so lässt sich unterscheiden, ob es sich um eine leichte Fehllage oder eine behandlungsbedürftige Fehlstellung handelt.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Therapie hängt vom Schweregrad, Alter des Hundes und von Begleitproblemen ab:
Konservative/abwartende Maßnahmen
- Bei sehr leichten Fehlstellungen reicht oft regelmäßige Kontrolle. Viele Welpen zeigen leichte Abweichungen, die sich beim Zahnwechsel korrigieren.
- Zahnreinigung und Pflege, um Sekundärschäden wie Zahnstein und Parodontitis zu vermeiden.
Zahnorthopädie beim Tier
- Bei funktionellen Problemen können kieferorthopädische Maßnahmen helfen: Zahnspangen, Schienen oder gezielte Extraktionen.
- Solche Eingriffe sind aufwändiger: oft Vollnarkose, mehrere Termine und Spezialausrüstung. Erfolgsaussichten sind gut, wenn frühzeitig begonnen wird.
Chirurgische Korrektur
- Bei stark ausgeprägtem Rückbiss kann eine chirurgische Kieferkorrigierung nötig werden. Dabei wird die Kieferstellung operativ verändert.
- Solche Eingriffe sind komplex und sollten nur von erfahrenen Tierchirurgen durchgeführt werden. Nachbehandlung und Reha sind wichtig.
Lebensqualität und Prognose
Viele Hunde mit leichtem Rückbiss leben problemlos und haben eine normale Lebensqualität. Problematisch wird es, wenn Schmerzen, wiederkehrende Zahnverletzungen oder Futterprobleme auftreten. Früh erkannte und richtig behandelte Fehlstellungen haben meist eine gute Prognose.
Zucht und Vorbeugung
- Wichtig für Züchter: Betroffene Tiere sollten nicht zur weiteren Zucht verwendet werden, um die Verbreitung genetischer Ursachen zu reduzieren.
- Regelmäßige tierärztliche Kontrollen in der Wachstumsphase (Welpen- und Junghundzeit) helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen.
Praktische Tipps für den Alltag
- Beobachte die Futteraufnahme: Probleme beim Kauen oder Einnehmen von harten Kauartikeln sind Warnzeichen.
- Achte auf Zahnstein, Rötungen oder Blutungen am Zahnfleisch – regelmäßige Zahnkontrollen und Zahnreinigung sind ratsam.
- Vermeide harte Gegenstände, die zu Zahnfrakturen führen können. Geeignete Kauspielzeuge und regelmäßige Kontrolle helfen.
- Bei Unsicherheit: Hol dir frühzeitig eine Meinung von einem Tierzahnarzt oder Kieferorthopäden für Tiere.
Häufige Fragen (FAQ)
Verwächst sich ein Rückbiss bei Welpen?
Manchmal ja: während des Zahnwechsels kann sich die Stellung verbessern. Bei auffälligen Abweichungen oder funktionellen Problemen sollte trotzdem zeitnah ein Tierarzt konsultiert werden.
Ist ein Rückbiss schmerzhaft?
Nicht immer. Schmerzen entstehen vor allem, wenn es zu Zahn- oder Schleimhautverletzungen, Entzündungen oder schwierigem Kauen kommt.
Welche Kosten kommen auf mich zu?
Die Kosten variieren stark – von einfachen Kontrollen und Prophylaxe bis hin zu kieferorthopädischen Maßnahmen oder Operationen. Eine genaue Einschätzung gibt der behandelnde Tierarzt nach Diagnostik.
Weiterführende Links und Quellen
- Brachygnathia (Wikipedia) – Hintergrundinformationen zur Kieferfehlstellung.
- Strategiekonzepte beim Greyhound (Windhundverband) – Fachvortrag zur Problematik.
- Tierzahnarzt: Caninus-Engstand – Informationen zu ähnlichen Zahnfehlstellungen.
Fazit
Ein Rückbiss beim Hund kann harmlos sein, sollte aber nicht ignoriert werden. Entscheidend ist, ob die Fehlstellung die Funktion beeinträchtigt oder Schmerzen verursacht. Frühzeitige Untersuchung, regelmäßige Kontrollen und gegebenenfalls eine gezielte Behandlung durch Tierarzt oder Tierzahnarzt sichern die beste Lebensqualität für dein Tier. Bei Unsicherheit vereinbare einen Termin zur Diagnose und besprich mögliche Therapieoptionen.
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